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Der letzte Zeuge - Die bewegende Lebensgeschichte von Pater Medard Stepanovsky

Am 12. August verstarb Pater Medard Stepanovsky im Alter von 90 Jahren an den Folgen eines schweren Schlagsanfalls. Mehr als 60 Jahre hatte er in der Niederlassung der Salesianer Don Boscos in Buxheim im Unterallgäu gelebt. Dass der aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammende Mann Priester werden konnte, ist maßgeblich einem Salesianer zu verdanken, der Ende September selig gesprochen wurde: P. Titus Zeman. Seine bewegende Lebensgeschichte hat uns P. Stepanovsky kurz vor seinem Tod noch erzählt.

P. Medard Stepanovsky ist ein kleiner, schmaler Mann. Wenn er lacht, was er oft tut, meint man den aufgeweckten, strohblonden Dorfjungen vor sich zu sehen, der er einmal war. Seine Augen blitzen verschmitzt hinter der braunen Hornbrille. Das Gesicht legt sich in viele, zarte Fältchen.

Auf dem Gelände der Salesianer Don Boscos in Buxheim, einer 3.000-Einwohner-Gemeinde bei Memmingen in Oberschwaben, ist der 90-jährige Salesianerpater mit seinem Rollator unterwegs, „mein Mercedes“, wie er ihn nennt. Jeden Weg, jede Tür, jede Treppenstufe kennt P. Stepanovsky genau und bewältigt sie mit seinem Gefährt auf die jeweils gleiche, oft erprobte Weise.

Seit mehr als 60 Jahren schon gehört der Salesianer zur Niederlassung der Ordensgemeinschaft in Buxheim. Er war Lehrer für Latein und Werken am Gymnasium „Marianum“ und Erzieher und Unterstufenleiter im Tagesheim. Zwölf Jahre lang arbeitete er zusätzlich als Pfarrer in einer Nachbargemeinde. Mit 72 Jahren ging er in den Ruhestand, half aber noch bis 2012 in der Seelsorge aus.

„Aber ich habe das Mädchen langsam vergessen und mich in Don Bosco verliebt. Und hier bin ich!“

In den vergangenen Monaten war P. Stepanovsky ein gefragter Gesprächspartner – im Orden selbst und bei Kirchenvertretern aus dem Vatikan. Denn P. Stepanovsky war Zeuge im Seligsprechungsverfahren für P. Titus Zeman. Er ist der letzte Überlebende der ersten Gruppe junger Salesianer, denen P. Zeman im Sommer 1950 zur Flucht aus der damaligen Tschechoslowakei nach Italien verhalf. Ohne die Flucht, ohne P. Zeman, wäre P. Stepanovskys Leben wohl anders verlaufen.

Medard Stepanovsky wurde am 7. Juni 1927 in dem kleinen Dorf Oreské in der Tschechoslowakei geboren, im Westen der heutigen Slowakei. „Ich war ein ganz normaler Junge“, erzählt P. Stepanovsky, „ganz hübsch und recht schlau“. Nach der Volksschule hätte er auf das Gymnasium und Internat der Salesianer Don Boscos in Šaštin gehen können. Aber das wollte er nicht. „Unter uns Dorfjugendlichen sagte man, dass man da drei Mal am Tag in die Kirche gehen und jeweils eine Stunde beten muss. Das war mir zu viel“, erinnert sich der 90-Jährige. Einige Monate später jedoch, nachdem ein junger, charismatischer Salesianer den Weihnachtsgottesdienst in Oreské gehalten und bei dem Besuch von seiner Arbeit und dem Ordensleben erzählt hatte, beschloss Medard, sich doch in der Schule anzumelden. Das Einzige, was dem 14-Jährigen in der Anfangszeit zu schaffen machte, war nicht das Beten, sondern dass er sich vor der Abreise in ein Mädchen aus dem Dorf verliebt hatte. „Bis über die Ohren“, erzählt er. „Aber ich habe das Mädchen langsam vergessen und mich in Don Bosco verliebt. Und hier bin ich!“

Mit 18 Jahren trat Medard Stepanovsky ins Noviziat ein. Ein Jahr später legte er die erste Profess ab. Anschließend absolvierte er, wie damals üblich, die letzten drei Jahre der gymnasialen Oberstufe. An der Schule, die er zu diesem Zweck besuchte, lernte er P. Titus Zeman kennen.

„Zum ersten Mal getroffen habe ich P. Titus Zeman am Bischöflichen Gymnasium in Tyrnau. Ich war dort in der Oberstufe des Gymnasiums, schon als Salesianer, und P. Zeman war mein Chemielehrer. Ansonsten war er im Oratorium tätig. Was er sagte, verstand auch der Dümmste, so gut konnte er alles erklären. Und er war so menschlich, so nett, wir haben ihn alle gern gehabt. Er ist nie laut oder wütend geworden oder verärgert gewesen. Ich habe ihn besonders gemocht, weil Chemie nach Latein mein Lieblingsfach war.“

„Dann kam P. Zeman, er ging mit uns auf die Straße, aus Angst vor Spionen, und erklärte uns, was er vorhatte."

Während der Schulzeit hatte der junge Salesianer sonst wenig mit seinem späteren Retter zu tun. Das blieb so bis zu den Ereignissen rund um die Flucht im Sommer 1950. Die Tschechoslowakische Republik stand damals unter der Herrschaft der Kommunisten.

In der Nacht vom 13. auf den 14. April 1950 wurden alle Männerorden aufgelöst. Die Ordensleute wurden in Lager gebracht und die Klöster beschlagnahmt. Auch unseres war dabei. P. Titus Zeman war in dieser Nacht außer Haus und entkam so der Verschleppung. Uns junge Salesianer, die noch nicht Theologie studierten, hat man nach einigen Monaten aus dem Lager geholt. Wir sollten auf die Ideologie des Marxismus-Leninismus ‚umgeschult' werden. Ich zog also wieder auf den Hof meiner Eltern und besprach mit einem Pfarrer, was ich tun sollte. Er riet mir, zunächst meinen Militärdienst abzuleisten und parallel mit dem Theologiestudium zu beginnen. Man konnte damals privat Theologie studieren und dann bei einem Priester die Prüfung ablegen. Das wollte ich machen.

Ein Salesianerpater, Ernest Macak, kletterte Nachts über die Mauer des Lagers, in dem er gefangen war, und lief zu P. Titus. P. Macak machte ihn mit zwei Männern bekannt, die bereit waren, junge Salesianer illegal über Österreich nach Italien zu bringen. P. Macak ist unbemerkt zurück ins Lager gelangt, er durfte ja nicht auffallen.

Eines Tages war ich außerhalb des Hofs und hackte Holz. Da kam eine Schwägerin, damals ein junges Mädchen, und brachte mir ein Telegramm. Darin stand: ‚Komm schnell. Wilhelm ist sehr krank.‘ P. Wilhelm war ein Salesianer, ein Geistlicher in einem von Ordensschwestern geführten Krankenhaus in Bratislava. Ich habe gedacht, vielleicht ist er schon tot, vielleicht komme ich noch rechtzeitig zur Beerdigung. Meine Mutter machte mir ein paar Gebäckstücke, ich packte ein Hemd, ein Handtuch, mein Rasierzeug in eine kleine Tasche und ging zum Bahnhof und fuhr nach Bratislava. Dort traf ich einen anderen Salesianer, der auch ein solches Telegramm bekommen hatte. Ich dachte, dass ich drei, vier Tage später zurück sein würde! Ich habe ja nichts geahnt!

Dann kamen wir ins Krankenhaus, und P. Wilhelm war quicklebendig. Er hat so komisch mit uns gesprochen. Nehmt nicht viel mit, hat er gesagt. Dann kam P. Zeman, er ging mit uns auf die Straße, aus Angst vor Spionen, und erklärte uns, was er vorhatte. Inzwischen waren noch andere Salesianer und ein Diözesanpriester zu unserer Gruppe dazu gestoßen.

Wir blieben eine Nacht im Krankenhaus, die Ordensschwestern gaben uns Patientenzimmer zum Schlafen. Wir sollten uns Turnschuhe und dicke Socken kaufen.

„Ein Mann, der wohl bemerkt hatte, woher wir kamen, sprach uns an. Aber er hat uns nicht verraten."

Dann war es so weit. Es war der 31. August 1950. Gegen Abend gingen wir, sechs Salesianer, der Diözesanpriester und P. Titus, zum Bahnhof und kauften Fahrkarten in einen Ort weit von der Grenze entfernt. Von dort liefen wir in einen Wald und warteten auf die zwei Begleiter. Als es dunkel war, liefen wir über die Felder, vor allem Maisfelder, weil man sich darin gut verstecken konnte, bis zum Damm am Fluss Morava, auf Deutsch March. Das war gefährlich, weil dort die Wachen waren. Sie liefen mit dem Fernglas den Damm entlang. Stacheldraht gab es nicht. Etwa 50 Meter waren zwischen dem Wald und dem Fluss. Wir zogen uns aus, splitterfasernackt, weil wir ja trockene Sachen brauchten auf der anderen Seite, und liefen durch den Fluss. Die Taschen trugen wir über dem Kopf. Um etwa fünf Uhr morgens gingen wir zu einem Bahnhof. Die beiden Begleiter hatten uns die Fahrkarten für einen Zug nach Wien besorgt. Ein Mann, der wohl bemerkt hatte, woher wir kamen, sprach uns an. Aber er hat uns nicht verraten.

In der Nähe von Wien stiegen wir aus, wir befanden uns in der russischen Zone. Mit der Straßenbahn ging es über den Donaukanal in die amerikanische Zone. In einer Wirtschaft, die einem Tschechen gehörte, bekam jeder von uns ein Bier, wir schliefen auf den Bänken. Ein Taxi brachte uns schließlich zu den Salesianern in die Hagenmüllergasse. Wir waren daheim! Schockiert hat mich nur, dass draußen ein Schild „Kommunistisches Sekretariat“ stand - genau die, vor denen wir weggelaufen waren!

Wir konnten uns ausschlafen und bekamen etwas zu essen. Dann brachte ein Salesianer aus Wien uns in die amerikanische Zone. Wo das genau war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass wir am Wallfahrtsort Maria Stift Station gemacht haben. Mit Bussen fuhren wir nach Linz. Wieder daheim! Von dort ging es weiter nach Innsbruck in die französische Zone. Dank eines freundlichen Beamten konnten wir uns in kirchlichen Häusern einquartieren und sollten auf unsere Papiere warten. Essen bekamen wir bei den Don Bosco Schwestern.

Der Fußweg über den Brenner war gefährlich und anstrengend. Aber wir trafen immer wieder auf Menschen, die uns halfen, die uns etwas zu essen und Unterkunft gaben. Mit dem Zug ging es nach Verona zu den Salesianern. Wieder daheim! Am nächsten Tag, es war der 12. September, das Fest Maria Namen, kamen wir in Turin an. Vom Bahnhof aus liefen wir sofort in die Maria-Hilf-Basilika, um Danke zu sagen.“ 

Bereits im Oktober begannen P. Stepanovsky und seine Mitbrüder mit dem Studium der Philosophie und der Theologie. Am 1. Juli 1956 wurde der Salesianer in Bollengo nahe Turin zum Priester geweiht. Über das Schicksal von P. Titus Zeman nach dem gescheiterten dritten Fluchtversuch erfuhr P. Stepanovsky in den darauffolgenden Jahren nur das Wenige, was an die Öffentlichkeit drang.

Dass P. Titus Zeman jetzt seliggesprochen wird, mache ihn glücklich, sagt P. Stepanovsky. „Es ist eine große Ehre für mein Heimatland und für die Salesianer Don Boscos.“

Zusammen mit zwei Mitbrüdern wollte P. Medard Ende September bei den Feierlichkeiten in der Slowakei dabei sein. Dazu kam es nicht mehr. Der Salesianer starb am 12. August an den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Möge er in Frieden ruhen.

Text und Fotos: Christina Tangerding

 

 

 

Weitere Informationen zu Titus Zeman

Informationen zum Leben und zur Seligsprechung von P. Titus Zeman und einen Film über seine Lebensgeschichte finden Sie hier.

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