Deutsche Provinz der
Salesianer Don Boscos

In der Jugendkirche ist viel Raum für Experimente

Veröffentlicht am: 17. Juli 2019

Stuttgart - St. Nikolaus soll zur Jugend- und Gemeindekirche werden. Das Gotteshaus im Stuttgarter Osten wird nach den Bedürfnissen der Jugendlichen und der Gemeinde umgebaut. Bevor sich Architekten an die Planung machen, dürfen die Jugendlichen, aber auch die Ge­mein­de­mit­glie­der noch einmal sieben Wochen lang vom 14. September bis 1. November mit dem Raum ex­perimentieren. Der Jugendpfarrer Pater Jörg Widmann und Franz Lauth, der gewählte Vorsitzende des Kir­chen­ge­mein­de­rats, erklären, was in dieser Er­pro­bungs­pha­se passiert, wie Jugendliche ihren Glauben leben und warum eine Jugendkirche wichtig ist.

Was passiert in St. Nikolaus?

P. Jörg Widmann: In St. Nikolaus haben wir die einmalige Chance, in einer Kirche Neues ausprobieren zu dürfen. Bevor umgebaut wird, können wir ex­pe­ri­men­tie­ren. Konkret heißt das: an die Stelle der festen Kirchenbänke treten leichte Holzbänke, die wir je nach Gottesdienst und Veranstaltung verschieben können. Neben dem festen Altar wird es einen mobilen Altar geben, so dass wir zum Beispiel unser Taizé-Gebet jedes Mal an einem anderen Ort in der Kirche feiern können – eben dort, wo es den Jugendlichen gefällt. Außerdem werden in der Mitte des Kir­chen­schiffs zwischen den großen Säulen Vorhänge angebracht, so dass un­ter­schied­li­che Räume im Raum abgetrennt werden können. Die Erfahrungen, die wir sammeln, fließen dann auch in die Um­bau­pla­nun­gen ein. In St. Nikolaus macht Kirche Ju­gend­be­tei­li­gung möglich.

Franz Lauth: Die Gemeinde kann ebenfalls ausprobieren, auch wenn das Bedürfnis nach Veränderung zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen nicht so groß ist wie bei den Jugendlichen. Dennoch hat sich der Lit­ur­gie­aus­schuss unseres Kir­chen­ge­mein­de­rats Gedanken gemacht, wie wir unsere Gottesdienste anders gestalten können. Vielleicht ist dann die Bestuhlung beim Werk­tags­got­tes­dienst einfach mal rund um den Altar und nicht frontal. Insgesamt sind wir als Gemeinde froh, dass die Renovierung, über die wir schon seit zehn Jahren reden, endlich in Sichtweite ist. Der Innenraum der Kirche braucht dringend eine Erneuerung.

Sind in der Er­pro­bungs­pha­se die Spielräume grenzenlos? Ist dann alles erlaubt?

Stuttgart Jugendkirche St. Nikolaus

P. Widmann: Die Kirche ist und bleibt ein sakraler Raum, das heißt, die Begegnung mit Gott steht immer im Mittelpunkt. Wir werden sicher kein Heavy-Metall-Konzert nach St. Nikolaus holen und wir werden keinen Klettergarten aus der Kirche machen. Aber die Jugendlichen unterscheiden da sehr genau. Sie erwarten auch gar nicht, dass alles möglich ist, sondern sie respektieren den heiligen Raum.

In der Er­pro­bungs­pha­se wird es viele Ver­an­stal­tun­gen geben, zum Beispiel das Abendlob mit Abendbrot. Was verbirgt sich dahinter?

P. Widmann: Das wird ein Abendgebet sein, das durch die Kirche führt und am Ende setzen wir uns dann zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen, zu einem Abendmahl im wörtlichen Sinne. Wir bieten in den sieben Wochen auch einen Film­got­tes­dienst, und die Atelierkirche wird zu Gast sein, die kreatives Arbeiten mit spiritueller Erfahrung verbindet. In einem Workshop werden Re­li­gi­ons­leh­rer Ideen sammeln, wie man einen Kirchenraum anders gestalten kann. In der Er­pro­bungs­pha­se ab dem 14. September laden wir zu Got­tes­diens­ten und Ver­an­stal­tun­gen, die den Kirchenraum jedes Mal anders zeigen.   

Warum braucht es überhaupt eine Jugendkirche?

P. Widmann: Junge Menschen haben andere Vorstellungen von Kirchen und heiligen Räumen, sie sind flexibler, beweglicher, sie möchten sich beteiligen und ausprobieren können. Das geht nicht, wenn alles vorgegeben ist. Jugendliche brauchen ihre eigenen Räume, eine feste Anlaufstelle, wo sie Gleich­ge­sinn­te treffen – wie hier in St. Nikolaus. Schon jetzt ist das Ju­gend­pas­to­ra­le Zentrum YouCh mit dem Bund der Katholischen Jugend und vielen Angeboten vor Ort, die Jugendkirche ist im Entstehen und wir drei Sa­le­sia­ner­brü­der werden in absehbarer Zeit ebenfalls noch nach St. Nikolaus umziehen. Dann können die Jugendlichen einfach bei uns im Konvent klingeln, wenn sie jemanden zum Reden brauchen.

Wie leben Jugendliche heute ihren Glauben, Pater Jörg?

P. Widmann: Junge Menschen sind heute wie zu allen Zeiten auf der Suche nach Sinn und Tiefgang in ihrem Leben, auch wenn sie vielleicht mit der Institution Kirche nichts zu tun haben wollen und Klerikalismus doof finden. Dennoch sehnen sie sich nach spirituellen Erfahrungen und sie suchen die Gemeinschaft, die Peergroup, in der sie ohne Leis­tungs­druck aufgenommen werden, so wie sie sind. Junge Menschen brauchen stabile Beziehungen, die auf gegenseitigem Vertrauen fußen. Und sie suchen Vorbilder. Das können immer auch Menschen sein, die ihren Glauben überzeugend leben.

Wie kann Kirche junge Menschen erreichen?

P. Widmann: Was in der Jugendarbeit nicht mehr funktioniert, sind feste Grup­pen­stun­den, wie sie vor 20 Jahren noch ganz selbst­ver­ständ­lich waren. Die Anforderungen in der Schule sind viel höher geworden, auch au­ßer­schu­lisch haben die allermeisten einen vollen Ter­min­ka­len­der: Sport, Musik, viel Zeit in den sozialen Medien. Da bleibt schon keine Zeit mehr für das Treffen mit der Schulfreundin oder dem Schulfreund – und schon gar nicht für die kirchliche Gruppenstunde. Deshalb setzen wir immer stärker auf Events, auf den besonderen Gottesdienst, der nur alle paar Wochen stattfindet, einen coolen Ausflug, eine Wallfahrt, oder ein besonderes Projekt wie die bundesweite 72-Stunden-Aktion.

Was erhofft sich die Gemeinde von der engen Beziehung zur Jugendkirche?

Franz Lauth: Wir haben in den vergangenen Jahren in St. Nikolaus unsere Jugendlichen verloren, in unserer Gemeinde gibt es nicht einmal mehr eine Mi­nis­tran­ten­grup­pe. Als wir das Gemeindehaus neu gebaut haben, mussten wir die alten Jugendräume aufgeben. Die jungen Menschen sind daraufhin weggeblieben. Wir hoffen, wenn Jugendliche aus der ganzen Stadt in der Jugendkirche zu­sam­men­kom­men, dass dann auch die jungen Menschen aus dem Osten wieder einen Zugang zu unserer Gemeinde finden. Vielleicht führen das YouCh und die Jugendkirche dazu, dass auch in St. Nikolaus wieder eine Jugendarbeit entsteht.

Betrachten Sie die Jugendkirche als eine Art Ver­jün­gungs­kur für die Gemeinde?

Franz Lauth: Nein. St. Nikolaus ist eine aktive Gemeinde, die nicht überaltert ist. Den Gottesdienst am Sonntag besuchen auch viele Familien mit Kindern. Wir haben einen Chor, Fa­mi­li­en­krei­se, eine Tanzgruppe, rege Senioren und viele Italiener, die den italienischen Gottesdienst am Wochenende besuchen, aber auch so bei uns zu­sam­men­kom­men. Jetzt kommt die Jugendkirche dazu mit einem Einzugsgebiet über die ganze Stadt. Das ist auch für uns eine Bereicherung. Aber natürlich gibt es Ge­mein­de­mit­glie­der, die Angst vor der Veränderung haben und fürchten, dass ihnen die Kirche weggenommen wird. Da ist es an uns Kir­chen­ge­mein­de­rä­ten, die Menschen gut zu informieren und mitzunehmen.

Interview: Nicole Höfle, Dekanatsreferentin Stuttgart für Öffentlichkeitssarbeit

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